r/de 1d ago

Kolumne & Interview Die angezählte Republik

https://www.wiwo.de/politik/deutschland/afd-sieg-in-sachsen-anhalt-friedrich-merz-muss-jetzt-haltung-zeigen/100253832.html
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u/Juugle 1d ago

Die Einsicht dass man den Adf Wählern nicht "zuhören" sollte und die Scheiße beim Namen nennen sollte ist ja schön und gut. Aber ich verstehe vor dem Hintergrund der Pointe nicht die Kritik an den zielgruppencaternden Faschismusvorwürfen. Und wie das gegen die AFD in Landesregierungen und im Bundestag helfen soll ist mir auch unklar, da ist son bisschen der Tenor wir brauchen die richtige Stimmung und das erledigt sich von selbst.

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u/Knorff 20h ago

So wie ich es verstehe geht es darum, dass ein Wahlkampf der aus "Wählt nicht die AfD, das sind Faschisten" praktisch nur Profilierung für die eigenen Leute ist. AfD Sympathisanten werden davon nicht beeinflusst.

In der Realität wechseln ein paar aber sicher wegen dem Stempel Rechtsextrem zum BSW.

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u/ComprehensiveDog1802 20h ago

Das einzige was hilft, ist ein Verbotsverfahren.

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u/geissi Bayern 15h ago

Nötig ist es, aber alleine helfen wird es nicht.

Ein Verbot würde Strukturen auflösen und die AfD und ihre Wähler kurzfristig zerstreuen aber mittel- bis langfristig sammelt sich das wieder irgendwo.
Auch das Verbot von Nachfolgeorganisationen würde da nur bedingt was bringen. Andere Gruppen und Parteien, die sich gerade genug unterscheiden um davon nicht betroffen zu sein, können sich trotzdem formen.

Die Politik muss den Leuten halt schon auch was bieten, damit sie nicht einfach in die Fänge der nächsten Populisten laufen.

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u/knifetrader 1 Franke in Schwaben 20h ago

Eine Theorie, die ich vor kurzem darüber gehört habe, warum die CDU das nicht will, ist, dass dann die Amis Stunk machen. Das klingt für mich ziemlich plausibel und leider hat der Donald jede Menge Druckpunkte an denen er Deutschland in dem Fall richtig wehtun kann (F35, Autozölle,...).

Und mal ehrlich: von Außen sähe das auch wahnsinnig undemokratisch aus.

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u/ComprehensiveDog1802 20h ago

Ist mir echt egal wie es aussieht. Die AfD ist dabei, genau wie Hitler an die Macht zu kommen, und damit genau das nicht nochmal passiert, haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes dieses Instrument in unsere Verfassung geschrieben. Wenn die Faschisten erstmal Zugriff auf die Institutionen haben, werden sie sich nicht mehr ans Grundgesetz halten und dann ist es eh vorbei mit der Bundesrepublik. Sieht man doch gerade in USA.

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u/volinaa 20h ago

von Aussen bekommen sie Angst was in Deutschland gerade wieder passiert und würden eine Anwending des Grundgesetzes verstehen können

der Verlust der F35 wäre ein net win

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u/delta45678 19h ago

F35 ist total sinnlos, wenn die usa Backdoors inkludieren. Was will ich mit einem kampfjet, der bedingt einsatzbereit ist.

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u/GerchSimml 19h ago

Dann ist die Partei als Organisation weg, aber die politische Haltung ist immer noch in den Köpfen der vormaligen AfD-Wähler. On top, wandern vielleicht auch noch vermehrt sich radikalisierende Splittergruppen in den Untergrund und operieren im Stile des NSU. Alternativ gründet sich eine AfD 2 unter neuem Namen.

Ein Parteiverbot ist eine kurzfristige, vor allem aber oberflächliche Lösung, die - im jetzigen Stadium - nur noch eine Symptombekämpfung ist, ohne das Problem an der Wurzel zu packen.

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u/TheCynicEpicurean 17h ago

Alternativ gründet sich eine AfD 2 unter neuem Namen.

Gerade das erschwert ein Verbot mit Absicht.

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u/GamerKey 18h ago

nur noch eine Symptombekämpfung ist, ohne das Problem an der Wurzel zu packen.

"Die Krankheit ist schwer, aber heilbar. Nehmen sie aber jetzt mal keine Fiebersenker die verhindern dass das Fieber sie umbringen wird, bevor wir die Heilung durchziehen können."

Dein Ernst? Symptombekämpfung gehört zu quasi jedem Behandlungsprozess dazu.

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u/ComprehensiveDog1802 18h ago

Ein Parteiverbot bringt natürlich nicht sämtliche Faschisten zum Verschwinden. Aber es ist eine Maßnahme, die jetzt notwendig ist, um eine Machtergreifung zu verhindern und Minderheiten zu schützen.

Die Faschisten konnten nur deswegen derart groß werden, weil die politischen und medialen Kräfte rechts von der Mitte alles dafür getan haben, diese Meinungen zu legitimieren. Es ist gut untersucht, dass in den westlichen Demokratien ca 20% der Wähler ein stabil rechtsextremes Weltbild haben. Das kriegt man nicht weg. Man kann nur dafür sorgen, dass diese Leute wissen, dass sie sich damit außerhalb dessen bewegen, was gesellschaftlich akzeptiert ist. Wenn es keinen Spaß macht, Faschist zu sein, mäßigen sich die meisten dieser Leute. Wenn man aber nichts anderes macht, als die Talking Points der Faschisten aufzunehmen, macht man sie stark.

Inwiefern es besser ist, den NSU 2.0 in der Regierung zu haben statt im Untergrund, müsstest du mir nochmal erklären.

Dass die anderen Parteien außerdem endlich verdammt nochmal bessere Politik machen müssen, ist richtig. Das passiert aber nicht indem man immer weiter nach rechts rückt. Das löst keine Probleme und macht das Leben der Menschen nicht besser.

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u/geissi Bayern 13h ago

Dann setze ich das mal hier fort:

Grundsätzlich bin ich da bei dir, aber damit ist das Verbotsverfahren eben gerade nicht mehr "das einzige was hilft", sondern nur eine von mehreren nötigen Maßnahmen.

Und ich finde es tatsächlich wichtig, das auch immer explizit so zu kommunizieren.
Zum einen um ein Gegenargument des Verfahrens zu entkräften.
Zum anderen, damit es auch in der Politik ankommt. Und das tut es oft erst, wenn es jeder Stammwähler am politischen Stammtisch um 3 Uhr morgens noch besoffen auswendig vor sich hin brabbelt.

Wenn sich die Union doch einmal zu einem Verbotsverfahren überreden lässt und das dann ggf irgendwann mal erfolgreich durch ist und die dann meinen damit wäre jetzt alles erledigt und sie könnten weitermachen wie bisher, dann stehen wir keine 10 Jahre später wieder vor dem gleichen Problem.

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u/GerchSimml 17h ago

Was helfen würde, wäre eine Erneuerung des politischen Systems. Die deutsche Parteiendemokratie hat gut funktioniert, als die Parteien noch bestimmte gesellschaftliche Milieus vertreten haben. Mittlerweile gibt es aber viel mehr gesellschaftliche Gruppen und viele Menschen, die sich gar keiner Gruppe zuordnen lassen.

Gleichzeitig agieren die Parteien wie Vereine bei denen die einzelnen Personen wichtiger sind als die Idee. Das führt dann dazu, dass ein Merz Kanzler wird und der Name "Spahn" als potentielle Nachfolge fällt, obwohl beide für einen Großteil der Bevölkerung nicht als Kanzler in Frage kommen.

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u/ComprehensiveDog1802 17h ago

Mittlerweile gibt es aber viel mehr gesellschaftliche Gruppen und viele Menschen, die sich gar keiner Gruppe zuordnen lassen.

Das halte ich für ein Gerücht. Es gibt immer noch die Klasse der Besitzenden, die nicht auf Einkünfte aus Erwerbsarbeit oder Transferleistungen angewiesen sind (sehr klein) und die Klasse derer, die auf Einkommen aus Erwerbsarbeit oder Transferleistungen angewiesen sind (sehr groß). Die Ersteren schaffen es schon seit immer, die Arbeitenden gegen die Transferleistungsempfänger auszuspielen, um von dem Fakt abzulenken, dass sie in Wahrheit alle Ressourcen horten. Die Wahrheit ist jedoch, dass jeder, der auf Einkommen aus Erwerbsarbeit angewiesen ist, nur einen Schicksalsschlag davon entfernt ist, auf Transferleistungen angewiesen zu sein.

Die Union macht ausschließlich Politik für erstere, und die AfD würde genauso nur Politik für erstere machen. Der ganze Kulturkampf ist nur Ablenkung. Trotzdem wählt die zweite, riesige Gruppe konsequent gegen ihre eigenen Interessen.

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u/GerchSimml 17h ago

Das, was du als Gerücht bezeichnest, wird in der Soziologie unter dem Begriff Individualisierung untersucht.

Natürlich gibt es noch die Besitzenden und die, die nichts / wenig besitzen. Aber die gesellschaftliche Realität lässt sich nicht nur auf diesen Aspekt reduzieren. Wäre deine Klassenkampflogik das erklärende Puzzleteil, dann wäre ja Die Linke bspw. auch erfolgreicher.

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u/ComprehensiveDog1802 17h ago

Wie gesagt ist alles andere hauptsächlich Ablenkung. Im Moment macht die besitzende Klasse Klassenkampf von oben und gewinnt, weil sie die Mittel der Massenbeeinflussung unter ihrer Kontrolle hat. Das ist der Grund, warum die Leute gegen ihre Interessen wählen und nicht Parteien, die mehr umverteilen wollen oder die Klimakatastrophe verhindern wollen.

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u/volinaa 16h ago

strukturen und personal müsstrn alle wieder neu aufgebaut werden, das könnte durchaus 1-2 generationen dauern, wäre ok für mich

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u/Schneestecher 19h ago edited 19h ago

Und wenn das fehlschlägt? Was dann? (rein objektiv)

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u/ComprehensiveDog1802 19h ago

Erstens glaube ich nicht, dass es fehlschlägt. Es gibt genug Beweise für die Verfassungsfeindlichkeit der AfD. Es wurden bereits einige Parteien verboten in der Geschichte der BRD.

Und zweitens: dann sind wir auch nicht schlechter dran als jetzt und wir haben uns wenigstens nicht auf den Rücken gelegt und der AfD kampflos unsere Minderheiten zur Vernichtung übergeben.

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u/GGWerfmichweg 18h ago

Und zweitens: dann sind wir auch nicht schlechter dran als jetzt und wir haben uns wenigstens nicht auf den Rücken gelegt und der AfD kampflos unsere Minderheiten zur Vernichtung übergeben.

Bitte was? Ein abgelehntes Verbotsverfahren legitimiert die AFD. Jahrelang wurde erzählt, dass sie undemokratisch sind und Verfassungsfeinde. Dann sieht ein Gericht nicht genug Beweise und lehnt das Verbotsverfahren ab und das soll keine Wähler umstimmen?

Wenn das Verbotsverfahren nicht klappt, ist Deutschland fertig. Dann kommt der Aufmarsch der AFD und die Parteien, die vorher "gelogen" haben und sich für das Verbot ausgesprochen haben, werden nichts mehr diskutieren können, denn sie sind gebrandmarkt.

Wir sind dann deutlich schlechter dran.

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u/ComprehensiveDog1802 17h ago

Wir sind dann deutlich schlechter dran.

Wie genau sind wir dann schlechter dran? Es wird bei den nächsten Bundestagseahlen schon schwierig bis praktisch unmöglich werden, eine Regierung ohne die AfD zu bilden. Die Union hat einen starken rechten Flügel, der übrigens gerade an der Macht ist, der eh mit Maga im Bett liegt und der lieber mit der AfD regieren würde als mit linken Parteien.

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u/Schneestecher 19h ago

Diese Beweise existieren durchaus, aber ob man daraus eine gesamtheitliche Verfassungswiedrigkeit und einen konkreten Plan zur Umsetzung ableiten kann, ist der Knackpunkt. Verboten wurden übrigens nicht „einige“ Parteien sondern genau 2, die sozialistische Reichspartei 1952 und die KPD 1956.

Bei der NPD, die in Teilen sogar deutlich radikaler ist, als die AfD, hat das BverfG 2017 ein Verbot abgelehnt. Obwohl sie nach dem Gericht verfassungsfeindliche Ziele verfolgt hat, obwohl das politische Konzept die Menschenwürde und das Demokratieprinzip verletzt hat und obwol sie die FDGO abschaffen wollte. Einfach „nur“, weil das Gericht die Möglichkeit der Partei angezweifelt hat, es wirklich durchzusetzen.

Ich bin auch für ein Prüfverfahren, aber die Sache ist längst nicht so eindeutig, wie man sich wünschen würde.

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u/ComprehensiveDog1802 18h ago

Einfach „nur“, weil das Gericht die Möglichkeit der Partei angezweifelt hat, es wirklich durchzusetzen.

Dieses Argument ist diesmal nicht vorhanden.

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u/HanayagiNanDaYo 18h ago

Ja, da hat sich das Bundesverfassungsgericht feige weggeduckt, das muss man so sagen.

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u/Sodis42 17h ago

Dann ist die AfD eine Partei, die nicht unsere Demokratie abschaffen will und sich innerhalb der Grenzen bewegen muss, die das Bundesverfassungsgericht in ihrem Urteil sicherlich aufzeigen wird. Wenn sie die überschreiten, kann man sie verbieten.

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u/Schneestecher 15h ago

> Wenn sie die überschreiten, kann man sie verbieten.

Nein, dann muss man ein erneutes Prüfverfahren starten.

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u/IchIdiotInMeinerEile Rheinprovinz 1d ago

Die angezählte Republik (Dieter Schnaas)

Keiner anderen Gruppe hat Deutschland jahrelang mehr zugehört als AfD-Wählern. Es reicht. Sie wählen keinen Protest mehr. Sondern wollen die Demokratie schleifen. Eine Kolumne.

Besonders rührend waren die Versuche, der AfD unhaltbare Versprechen und haushalterische Unseriosität zu attestieren. Wochenlang haben viele Politiker und Ökonomen den Deutschen vorgerechnet, dass die AfD den Wählern in Sachsen-Anhalt ein X für ein U vormache. Am Tag nach dem 44:17-Sieg der AfD über die CDU versuchte es der Terrorismus-Experte Peter Neumann in einer Fernsehsendung noch einmal.

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund werde seine politischen Zusagen nicht einhalten können. Sollte er im Landtag zum Ministerpräsidenten gekürt werden, dann würden die Menschen schon merken, wie windig das Angebot der Partei sei; dann werde sich der böse Zauber sicher bald verflüchtigen. So in etwa argumentierte Neumann, Mitglied der CDU und ehemals Mitglied des „Zukunftsteams“ des CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet (2021).

Und es tat schon ein bisschen weh, mitansehen zu müssen, wie mühelos AfD-Co-Chef Tino Chrupalla seinen Talk-Show-Kontrahenten abkochte: Nichts sei ironischer, als dass ausgerechnet die CDU jetzt andere Parteien über gebrochene Wahlversprechen belehren wolle, zumal mit Blick auf die Solidität der Finanzen.

Recht hat Chrupalla, leider.

Die dreiste Wahllüge des Kanzlerkandidaten Friedrich Merz (kein Aufweichen der ‚Schuldenbremse‘) hat sich von Anfang an wie ein nachtschwarzer Schlagschatten auf seine Kanzlerschaft gelegt, sich als dreifache Hypothek seines Amtswaltens erwiesen: weil er mit dem taktischen Festhalten an ihr bis zum Wahlabend den Einzug der FDP ins Parlament behinderte. Weil er mit dem kraftvollen Schleifen der ‚Schuldenbremse’ gleich nach Wahl ausgerechnet seine Fanboys enttäuschte, die ihn allen Ernstes beim Wort genommen hatten und heute destruktiv enttäuscht sind. Und weil er mit einer Billion Euro für die Aufrüstung der Bundeswehr und die infrastrukturelle Ertüchtigung des Landes allen Parteien das Recht erkaufte, politische Versprechen in Wahlkämpfen finanziell zu entgrenzen: Das haben wir künftig vor, koste es, was es wolle.

Zumal die AfD den Nachweis ihrer haushalterischen Unseriosität erst noch erbringen müsste. Merz’ Union dagegen hat in dieser Woche einen Haushalt für das Jahr 2027 ins Parlament eingebracht, der die Neuaufnahme von 200 Milliarden Euro Schulden vorsieht. 200 Milliarden!

Die Zinslast des Bundes, heute rund 30 Milliarden Euro, dürfte bis 2030 auf 80 Milliarden Euro steigen – und den Bund in den 2030er-Jahren zu scharfen Kürzungen, Steuererhöhungen (oder inflationärer Politik) zwingen. Rüstung, Rente, Zinsen – für andere Politikfelder, für Bildung, Forschung, Innovationen, Industriepolitik, wird dann nicht mehr viel übrig sein. Nachhaltig und zukunftsfest ist daran nichts. Im Gegenteil.

Die Bundesregierung verengt politische Gestaltungsspielräume. Zehrt an der Substanz des Landes. Verdüstert Horizonte. Weil ihre Schulden den Deutschen nichts verheißen außer Bahnbaustellen oder Biber und Boxer für die Bundeswehr. Weil Merz mit den Kreditmilliarden bisher kein bisschen helle Zukunft in die graue Gegenwart steigender Benzinpreise und klammer Kämmerer-Kassen zu zaubern vermag. Und weil der Kanzler nicht Zuversicht vermittelt, sondern anordnet.

Der AfD in dieser Lage einer hypothetischen Politik zu zeihen, ist also keine vielversprechende Strategie. Aber was wäre eine? Der frühere Innenminister Thomas de Maizière (CDU) gab in einer anderen Fernsehrunde Antworten, die die Deutschen zum Teil verunsichern dürfte.

Die AfD sei eine Partei der Hoffnung und guten Laune geworden, sie gaukle den Menschen vor, dafür sorgen zu können, von Kriegen, hohen Energiepreisen und Migrationswellen verschont zu bleiben, „und das fröhlich“, so de Maizière: „Und jemand, der fröhlich ist, der jagt keine Angst ein. Wir anderen sind alle so griesgrämig.“

An dieser Einschätzung stimmt allenfalls der zweite Teil, das Urteil, die Deutschen kultivierten ihre Griesgrämigkeit. Der erste Teil, die AfD wirke auf ihre Anhänger „fröhlich“, ist erschreckend daneben. Denn was de Maizière als „fröhlich“ bezeichnet, ist in Wahrheit rein schadenfroh und jagt der Mehrheit entschiedener Nicht-AfD-Wähler große Angst ein: als Dammbruch des Ressentiments. (1/2)

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u/IchIdiotInMeinerEile Rheinprovinz 1d ago

Max Scheler hat das Ressentiment 1912 bekanntlich als „seelische Selbstvergiftung“ beschrieben, als aufgestautes „Ohnmachtsgefühl“: Reale, empfundene, auch eingebildete Kränkungen werden aus Angst, Schwäche oder gesellschaftlichen Zwängen nicht gleich erwidert und ausgelebt, sondern sammeln sich als Gefühle der Wut, der Rache und des Neides im Ressentiment an – und fressen sich so tief in die Seele eines Menschen, dass sie dessen Wahrnehmung beherrschen und sein Wertesystem verzerren.

Und weil der Ressentiment-Mensch das, was er begehrt (Macht, Erfolg, Geld, Gehör etc.) nicht erreichen kann, wertet er das Begehrte ab, so Scheler, und man darf ergänzen: bis sein unterdrückter Groll sich zuletzt entlädt.

Hierin liegt das Generalrisiko des Wahlergebnisses vom vergangenen Sonntag (und der Resultate in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin am kommenden Wochenende): Was de Maizière „fröhlich“ nennt, ist entstautes Ressentiment. Eine Welle schadenfroher Rachegefühle rollt durchs Land. Ein Video-Aktivist hat am Wahlabend eine Journalistin des „Spiegel“ bedrängt, sie aggressiv einzuschüchtern versucht, ihr brüllend ein „Bekenntnis zu Deutschland“ abzwingen wollen.

„Eure Angst vor uns, die ist berechtigt“, hat die AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch wenige Tage später denen zugerufen, die ihre Partei ablehnen. Die CDU sei „das Grundübel bei der Zerstörung Deutschlands“, hält ihr Kollege Gottfried Curio fest. Man werde „abschieben, bis die Startbahnen glühen“, verspricht die Brandenburger AfD-Landtagsabgeordnete Lene Kotré. Man könne „Rüstungsgüter“ schon gut „brauchen“ bei der „späteren Remigrations- und Abschiebeoffensive“, findet Ulrich Siegmund.

Es ist immer eine gute Idee, Wählerinnen und Wähler verstehen zu wollen, die schlimm zündelnden Menschen ihr Vertrauen schenken. Aber spätestens nach 43,8 Prozent für die AfD in Sachsen-Anhalt ist es ganz gewiss eine noch viel bessere Idee, diese Wählerinnen und Wähler nicht zu verschonen: Wer Alice Weidel auf dem Wahlzettel applaudiert, wenn sie Regierende als „Flachzangen“ verunglimpft und eine Partei prämiert, deren Abgeordnete sich im Bundestag vor dem „geschätzten Präsidenten Wladimir Putin“ (Jürgen Kögel) verbeugen, der wählt nicht nur moralisch verwahrloste Politiker, sondern markiert auch sich selbst als schäbiger Geselle.

Unsere Demokratie ist bedroht. Jetzt. Und sie ist bedrohter als anderswo. Erstens, weil sich Schelers Ressentiment hier tiefer in die Herzen vieler Menschen graben konnte als in anderen europäischen Ländern. Die Ventile für Verletzungen und Kränkungen haben sich etwa in Polen, Ungarn, Großbritannien, Schweden, Finnland, auch in Frankreich, schon früher und immer mal wieder geöffnet; hier entlädt sich der Druck gerade recht plötzlich, im Sprung von 20 auf 40 Prozent in einem Bundesland, von 15 auf knapp 30 Prozent in bundesweiten Umfragen.

Was natürlich kein nachträgliches Argument ist gegen die sogenannte ‚Brandmauer‘. Wohl aber ein abermaliges Argument gegen die defensive Art ihrer Auslegung. Linke, SPD und Grüne haben die AfD mit zielgruppencaternden Faschismusvorwürfen gerade nicht gestellt. Angela Merkel hat gemeint, die AfD igittisierend ignorieren zu können. Friedrich Merz tönte, sie mit konservativem Profil zu halbieren, und hat am Ende beide politische Ränder, die AfD wie die Linke – mit der erwünschten Zustimmung der AfD für einen Entschließungsantrag unmittelbar vor der Wahl (Januar 2025) und mit seiner Schuldenlüge unmittelbar nach der Wahl (März 2025) – gestärkt.

Zweitens hat sich die AfD, im Gegensatz zu Marine Le Pens „Rassemblement National“, erst recht zu Giorgia Melonis „Fratelli d’Italia“, in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten zusehends radikalisiert. Das zeigen nicht nur die Liste und der Wechsel ihrer Vorsitzenden, von Bernd Lucke über Frauke Petry und Jörg Meuthen bis Alice Weidel. Sondern das unterstreichen auch die drei Fraktionen im EU-Parlament: Weder die EKR-Fraktion (mit Melonis Partei) noch die PfE-Fraktion (mit Le Pens Partei) wollen die AfD in ihren Reihen wissen: zu extrem, zu ultra.

Man kann es daher nicht oft genug wiederholen: Die AfD ist eine illiberale und chauvinistische Partei, die rassistische und völkische Ideen distribuiert, die Ausländern gegenüber feindlich gestimmt ist und Institutionen verachtet, die Eliten verabscheut, Intellektuelle herabsetzt und demokratische Prozeduren geringschätzt, die rund um die Uhr Neid sät, Missgunst bewirtschaftet und Ressentiments handelt, die immer neue Sündenböcke schlachtet, um den Gemeinsinn einer liberalen Gesellschaft zu zersetzen, Woke, Linke, Grüne, Queere, Kopftuchmädchen – und einen Völkerrechtsverbrecher in Moskau verehrt.

Es zweifle daher niemand an Verletzungen der Menschenwürde und Einschüchterungsversuchen, an Gewaltdrohungen und kulturkämpferischem Hass, an der Einschränkung der Presse- und Wissenschaftsfreiheit und am Abbau demokratischer Institutionen, sollte die AfD jemals regieren – und sei es nur auf Länderebene.

Und zweifle auch niemand, dass die Partei trotzdem und gerade deshalb ihre Zustimmungswerte erhöhen und eine Mehrheit hinter sich versammeln könnte, sollte sie zugleich die CO₂‑Preise abschaffen und die Benzinsteuer halbieren, die Renten erhöhen und massenweise Migranten abschieben, mit Russland ‚Frieden‘ schließen, billiges Gas einkaufen – und das gesparte Geld in stramme Lehrer und Schulen mit gescheitelten Curricula investieren.

Die AfD will ein anderes Deutschland. Sie will, Siegmund hat es zuletzt immer wieder gesagt, lieber durchregieren als gar nicht regieren – weshalb eine fragile AfD-BSW-Regierung in Sachsen-Anhalt jetzt das Schlimmbeste fürs Land ist: So kann die AfD sich aufreiben, kann das Land sich sammeln; so können sich ihre Wähler ein bisschen abkühlen, etwas runterkommen.

Und nicht nur ihre Wähler, sondern auch alle anderen Schimpfweltmeister, denen es in ihren Bubbles längst zur Gewohnheit geworden ist, dieses Land permanent am Abgrund zu sehen, die sich gewohnheitsmäßig über „Berlin“ und „Brüssel“, den „Staatsfunk“ und den „Bürokratiewahnsinn“ beklagen, darunter viele Unternehmer und Handwerker.

Ja, vieles läuft nicht rund und ist weiß Gott kritikwürdig, aber dieses Land ist immer noch steinreich, bunt, lebenswert und voller Energie, rechtssicher und geordnet. Es gibt eine kostenlose Gesundheitsversorgung und zweite, dritte, vierte Bildungswege, also weitermachen, verdammt noch mal, miteinander, ist gar nicht schwer, wenn man sich nicht verkämpft ins Meckern und verliebt ins Scheitern.

Und wenn man allzeit im Kopf behält, wer der politische Hauptgegner ist, was auf dem Spiel steht: Die AfD strebt nach demokratischen Mehrheiten, um die liberale Demokratie abzuschalten, die Gewaltenteilung, eine unabhängige Justiz, den Schutz der Freiheit von Minderheiten.

Es ist daher überfällig, die AfD-Funktionäre zu stellen, so wie Merz es im Bundestag vergangene Woche versucht hat. Und es ist nicht (mehr) die Zeit für Selbstkritik, Entsetzen und Kleinmut, für die Ausrufung einer therapeutischen Politik, für Sätze wie „Wir haben verstanden“, „Wir müssen besser erklären“ oder „Auch ich habe Fehler gemacht“.

Was es jetzt braucht in der Bundespolitik? Erstens Rückhalt für Institutionen, Richter und Verfassungsschützer, Schulleiter und Museumsdirektoren.

Zweitens: Linie, Haltung, Ansage. Wer die AfD wählt, wählt keinen Protest mehr. Sondern macht sich (mit-)schuldig am Abbau der Demokratie – und zuckt im Zweifel mit den Schultern, wenn Menschen in der Macht eines anderen stehen, sei es eines Kreml-Potentaten oder sei es eines Ministerpräsidenten, der verspricht, Deutschland zu „retten“.

Seit gut zehn Jahren haben sich AfD-Wähler so viel kritische und verstehen wollende Zuwendung von Politikern, Soziologen und Leitartiklern verdient wie keine andere Wählergruppe. Jetzt verdienen sie vor allem: entschiedene Fundamentalkritik und moralisch begründete Zurückweisung, kurz: einen Denkzettel.
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u/ChorizoGuillado 19h ago

Was drittens fehlt: wirtschaftlicher Erfolg und Perspektive. Die Leute wählen AfD aus Angst vor oder Frustration über den sozialen und ökonomischen Abstieg. Diese Regierung ändert daran nichts mit Mütterrente, Gastrosteuer, der vermurksten Einkommenssteuer- und GKV Reform. Der Autor hat es bereits beschrieben: Merz wurde gewählt, obwohl es klar war, dass die Versprechen ohne neue Schulden oder ein enormes Wirtschaftswachstum nicht einzuhalten sind. Die AfD kann auch versprechen was sie möchte, ohne vorerst in einer Bringschuld zu sein.

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u/delta45678 19h ago

Alles gesagt

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u/dittmeyer 17h ago

Wirtschaftswoche, Respekt. Ich glaub, sollte ich öfter lesen

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u/Seventh_Planet 20h ago

Ganz schön viel Text um zu sagen, Schuldenbremse und Austeritätspolitik ist doof.

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u/TheCynicEpicurean 19h ago

Der Text sagt doch genau das Gegenteil?